Die Angst

Ja, heute gehts um Angst. Was hat das zwischen all den schönen Konzert- und Urlaubsberichten verloren, fragst du dich? Ich ziehe morgen um. Verlasse meine eigene, kleine, schöne Wohnung nach drei Jahren und stürze mich in das Abenteuer Wohngemeinschaft. Meine alte Wohnung ist fast leer und sieht furchtbar chaotisch aus. Meine neue Wohnung ist noch nicht eingerichtet und noch nicht mein Zuhause. Ich bin zwischen dem was war und dem was noch kommt – von dem ich dann auch nichtmal weiß, wie es wird. Ich halte mich für einen mutigen Menschen und oft genug beweis ich mir das auch selbst. Aber heute – heute ist die Angst da. Das Gefühl, zwischen gestern und morgen zu hängen und nirgends wirklich einen Platz zu haben.

Den ganzen Tag hab ich versucht, mich abzulenken. War produktiv und hab die Angst verdrängt. Aber ich war grantig, ich war unfair, ich war angespannt und ganz und gar nicht ich selbst. Bis ich spazieren gegangen bin und einfach zugehört hab, was die Angst mir sagen will.

Die Angst versucht dir einzureden, dass du scheitern wirst. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du dachtest, versagt zu haben.

Die Angst versucht dir einzureden, dass du allein bist und keiner da draußen für dich da ist, dich liebt und hält. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du dich einsam und verloren gefühlt hast.

Die Angst versucht dir einzureden, dass es sich nicht lohnt deine Gefühle zu zeigen. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du verletzt wurdest weil du eben das getan hast.

Die Angst versucht dir einzureden, dass Veränderung hauptsächlich aus Verlust besteht. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du Geliebtes verloren hast und dein Herz fast daran zerbrach.

Die Angst versucht dir einzureden, dass du doch die Sicherheit und die Beständigkeit wählen hättest sollen. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du dich unsicher und haltlos gefühlt hast.

Die Angst versucht dir einzureden, dass das was da wie im Nebel vor dir liegt, nie so schön sein kann, wie das was hinter dir liegt. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du Schönes erlebt hast und dass diese Momente unwiederbringlich vorbei sind.

Die Angst versucht dir einzureden, dass du schwach und hilflos bist. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du etwas nicht ändern konntest und machtlos zusehen musstest.

Die Angst versucht dir einzureden, dass deine Träume zu groß sind und das was du so sehr ersehnst, gar nicht existiert. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du vor den Scherben eines Traums standest und nicht mehr wagtest, erneut zu träumen.

Die Angst versucht dir einzureden, dass das was du tust, falsch ist. Falsch für dich, falsch für die Menschen um dich, falsch für diese Welt. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du glaubtest, einen Fehler gemacht und jemanden verletzt zu haben.

Die Angst versucht dir einzureden, dass sie größer sei als die Liebe. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du so große Angst hattest, dass von Liebe keine Spur mehr war.

Die Angst versucht dir einzureden, dass du nicht genug bist, egal wie sehr du dich auch anstrengst. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du dich ungenügend und ungeliebt gefühlt hast.

Die Angst versucht dir einzureden, dass das was da gerade passiert, nicht gut für dich ist. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du gelitten hast, nicht weiter gewusst und an allem gezweifelt hast.

Die Angst versucht dir einzureden, dass du zu wenig hast. Zu wenig von allem. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du verzweifelt versucht hast, die Leere in dir mit Dingen oder Menschen zu füllen.

Die Angst versucht dir einzureden, dass es sich nicht lohnt, es zu versuchen. Und sie erinnert dich an all die Momente, in denen du aufgegeben hast.

Und vor allem versucht dir die Angst einzureden, dass sie mit all dem Recht hat. Dass du nichts tun kannst gegen sie. Dass du nicht nur Angst hast, sondern Angst bist. Sie macht dich klein und dein Herz eng und kalt.

Aber wisst ihr was? Nachdem ich zugehört hatte, was die Angst mir sagen wollte und gefühlt, was sie mit mir macht – da war die Angst nicht mehr riesig und stark, mächtig und dunkel. Da war sie nur noch ein kleines, schwaches Etwas, das einfach nur da sein wollte. Genauso angenommen wie die schönen Gefühle.
Also versuche ich das jetzt. Ich antworte auf alles was mir meine Angst sagt, mit dem, was ich wirklich will: Liebe.

Und die Liebe erklärt mir, dass ich stark und schön, mutig und klug bin. Dass ich alles schaffen kann, geliebt und voller Reichtum bin. Dass alles was passiert das Beste für mich und die Welt rund um mich ist und alles was ich tue das Richtige ist. Dass ich gut und genug bin und dass aufgeben keine Option ist. Die Liebe sagt, dass die Angst die ich fühle nicht alles ist was es da in mir gibt.
Als mir das klar wurde, hab ich mich entschieden. Ich glaub nicht mehr nur der Angst. Ja, ich hab Angst. Heute hab ich Angst. Aber ich bin auch dankbar und glücklich und spür immer noch ganz viel Liebe – neben der Angst.

Und damit geh ich jetzt schlafen. Und morgen tu ich das, was ich immer tu: Ich tu mein Bestes. In Liebe und Wahrheit, so gut es eben geht.

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